Leben

Gedankensplitter {Corona, das Leben & ich}

Zugegeben unser aller Leben wurde sehr schnell auf den Kopf gestellt. Kinder werden zuhause betreut. Besuche und Reisen liegen auf Eis. Abstand ist das Gebot der Stunde. Freundinnen treffen nicht möglich. Für mich (und viele andere auch) bedeutet das, dass mein Leben und Arbeiten auf meine Wohnung beschränkt ist. Der Rückzug in meine vier Wände war und ist mir sehr vertraut. Ich brauche ihn und ich schätze ihn. Aber schon immer habe ich darauf geachtet, dass nicht zuviel Arbeit in diesen Rückzugsort hinein wabert. Das ist mir wichtig. In Zeiten wie diesen jedoch ist diese Abgrenzung unmöglich. Den Sinn und Zweck des Ganzen kann ich verstehen, nachvollziehen und erachte es auch als zwingend notwendig diese so und nicht anders zu tun. Dennoch… diese verschwommenen Grenzen machen mir sehr zu schaffen.

Plötzlich ist alles anders

Innerhalb von wenigen Stunden wurde aus meinem klassischen Sekretariatsarbeitsplatz eine Aussenstelle im Homeoffice. Wie gut, dass die dafür vorhandene Ausstattung da war. Natürlich bin ich für diese Möglichkeit dankbar. Als das Virus sich langsam ausbreitete hatte ich stets ein ungutes Gefühl morgens und abends in eine Stadtbahn einzusteigen. An meinem letzten Präsenztag im Büro war das dann schon deutlich anders. Zur gleichen Uhrzeit waren kaum mehr als zwanzig Personen in der Bahn. Aktuell benutze ich die Bahn nur noch um meine Einkäufe nach Hause zu transportieren, da ist mir der Fußweg zu lang. Das gebe ich gerne zu. Aber der Hinweg, den laufe ich. Schon wegen der Bewegung. Dieses tägliche Bahnfahren zur Arbeit fehlt mir ganz gewaltig. Klar schimpfe ich über übervolle Bahnen morgens und abends, nicht mehr sooft wie vor zwei Jahren, aber manchmal nervt es einfach. Derzeit würde ich liebend gerne in eine volle Bahn einsteigen, denn dann wäre der ganze Spuk endlich vorbei. Auch der Austausch mit den Kollegen*innen fehlt. Die Kommunikation ist nach wie vor gegeben, sie hat sich rasch angepasst und drastisch verändert. Ein Sekretariat ist halt ein klassischer Umschlagplatz von Informationen. Die neuen Wege zu beschreiten erscheint da manchmal etwas umständlich, aber dennoch läuft es. Am ersten Tag noch recht turbulent und dann hat sich alles immer mehr engespielt. An den sehr kurzen Weg ins Büro, kann ich mich persönlich jedoch nicht gewöhnen und auch den Absprung in den Feierabend zu finden ist mitunter etwas schwierig. Auch das Arbeiten in dem privaten Umfeld, an dem Ort wo ich normalerweise meine Kreativität auslebe, ist für meinen Kopf eine kleine Herausforderung Tag für Tag. Anscheinend mag mein Kopf klar abgegrenzte Räume. Das ist gut zu erkennen, genau wie die Tatsache das ich die menschliche Komponente (Bahnfahrt und Kollegen*innen) sehr vermisse. Ich hoffe, und das nehme ich als Impuls mit, dass ich mir dieses Vermissen, dieses Gefühl der Leere, in die Nach-Corona-Zeit retten kann.

Was mich in diesen Tagen sehr bewegt

  • Das Alleinsein. Normalerweise kann ich wirklich gut mit mir alleine leben, aber im Moment ist das halt nichts normal. Mir fehlt der Kontakt zu Menschen. Das Gegenüber bei einem Gespräch. Augenkontakt. Das freundschaftliche Umarmen zur Begrüßung oder der einfache Händedruck.
  • Diese Ungewissheit. Die Dunkelziffer der Infizierten ist etwas das mir wirklich zu schaffen macht. Nicht weil ich mich anstecken könnte, sondern weil ich andere womöglich gefährde. Ich gehe nur noch sehr selten vor die Tür, denn dieser Gedanke lähmt mich. Manchmal ich traue mich deswegen nicht hinaus bzw. habe ein flaues Gefühl im Magen, wenn ich unterwegs bin.
  • Die Medien. Mir wird die Berichterstattung mitunter zu viel. Nachrichten, Sondersendungen und Talkrunden jeden Tag. Meine Fragen, zum Beispiel nach den Auswirkungen für psychisch Kranke oder bei Menschen mit körperlichen und/oder geistigen Einschränkungen bleiben ohnehin meist unbeantwortet. Denn in den allermeisten Berichten dreht es sich um die Auswirkungen auf Familien mit Kindern oder deren Großeltern. Was ist mit den vielen Alleinstehenden, frage ich mich, wie geht es denen?
  • Die Wut. Das jetzt erst für Schutzausrüstungen in den Pflegeeinrichtungen, Hospizen und ambulanten Pflegedienste gesorgt wird macht mich wütend. Was ist das für ein Bild? Wollen wir wirklich so mit den Pflegebedürftigen und Sterbenden umgehen, ganz zu schweigen von denen, die sich um sie kümmern.
  • Die Dankbarkeit. Alle die jeden Tag ihrer Arbeit für unser aller Wohlergehen. Stadtbahnfahrer, Müllwerker, Supermarktbedienstete, Pflegekräfte und Ärzte, Polizisten, Rettungssanitiäter, Feuerwehrleuten. Für meinen Arbeitsplatz Zuhause und allem was damit verbunden ist. Ich bin aber auch dankbar, dass ich ein Dach über dem Kopf habe, mich in der Situation einrichten kann und das in der Familie und im Freundeskreis bisher niemand betroffen ist.
  • Die Gedanken. Meine Gedanken drehen sich oft und viel im Kreis. Natürlich frage ich mich oft, wie es wohl den Menschen geht, denen ich mich verbunden fühle. Da hilft ein Telefonat oder eine kurze Textnachricht und schon herrscht Klarheit. Aber es gibt auch fragende Gedanken, die hartnäckig sind und mich mürbe machen, weil ich darauf keine Antwort finde. Was ist mt den psychisch Kranken? Wer kümmert sich um Menschen mit Depressionen in häuslicher Isolation? Was ist mit der Gewalt in Familien? Was mit den vielen geschlossenen Einrichtungen für Menschen mit Beeinträchtigungen? Wie sieht die Hilfe für Obdachlose aus? Wie ist die Lage in Flüchtlingscamps auf der ganzen Welt und in den Einrichtungen im Land?
  • Die Hilflosigkeit.
  • Die Einsamkeit. Die kommt oft völlig überraschend. Sie schleicht sich an und macht sich plötzlich breit. Nicht immer kann ich dann reagieren. Nicht immer jemanden anrufen. Denn mir ist immer bewusst, dass wir alle in der selben Lage sind, wir alle kämpfen um irgendwie durch die Zeit zu kommen. Daher will ich nicht für zusätzlichen Balast sorgen. Also bleibt nur die Einsamkeit auszuhalten oder mit ihr zu kämpfen. Diese Kämpfe sind fies, denn die Einsamkeit kämpft schmutzig und mit allen Mitteln, aber bisher habe ich immer gewonnen. Ich hoffe, dass das so bleibt.
  • Die Hoffnung. Auf die Zeit danach. Die lasse ich mir nicht auch noch nehmen.

Und die Welt dreht sich doch weiter

Jeden Morgen geht die Sonne auf und am Abend wieder unter. Die Vögel zwitschern und bauen ihre Nester. Der Birnbaum im Garten der Nachbarn vis-à-vis steht in voller Blüte. Meine Nachbarn polltern und lachen, auch ihr Leben steht Kopf, aber es hört sich alles sehr vertraut und normal an. Die Welt dreht sich dann doch ganz normal weiter. Die Folgen können wir noch nicht abschätzen und absehen. Aber vielleicht können wir das ein oder andere aus dieser skurillen Zeit mitnehmen. Wäre doch schön, wenn wir das Ganze als Chance begreifen würden. Ich versuche es zumindest. Bleibt gesund und

Lasst Eure Alltagssterne leuchten, Anja***

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